Barrierefreiheit für Online-Shops: EAA-Checkliste für E-Commerce

EAA-Checkliste für barrierefreie Online-Shops: Produktseiten, Checkout, Formulare, Filter, Bezahlprozess — konkrete Anforderungen nach BFSG und WCAG 2.1 AA.

EAA Checker Team10 Min. Lesezeit

Online-Shops sind nach dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) explizit als "Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr" gelistet und damit seit 28. Juni 2025 verpflichtet, WCAG 2.1 Level AA zu erfüllen. Diese Checkliste zeigt, was das konkret für Ihren Shop bedeutet — von der Produktseite bis zum Checkout.

Ausnahme Mikrounternehmen: Shops mit weniger als 10 Mitarbeitern UND unter 2 Millionen Euro Jahresumsatz sind nach §3 Abs. 3 BFSG von vielen Pflichten ausgenommen. Beide Kriterien müssen gleichzeitig zutreffen.

Warum E-Commerce besonders betroffen ist

E-Commerce-Plattformen sind komplex: Dynamische Inhalte, Produktfilter, Warenkorb-Updates, mehrstufige Checkouts, Payment-Integrationen von Drittanbietern — all das stellt besondere Anforderungen an Barrierefreiheit. Gleichzeitig sind die Stakes hoch: Ein nicht-barrierefreier Checkout schließt zahlungswillige Kunden aus.

Lesen Sie auch unseren Artikel über die 10 häufigsten Barrierefreiheitsprobleme bei deutschen Online-Shops.

1. Produktseiten

Produktseiten sind oft die erste Seite, auf der ein Nutzer landet. Hier zählt erster Eindruck:

  • Produktbilder mit Alt-Text: Jedes Produktbild braucht einen beschreibenden Alt-Text — nicht nur "Produkt", sondern "Rotes Ledersofa Modell Barcelona, Draufsicht, 3-Sitzer".
  • Preisinformationen für Screenreader: Durchgestrichene Preise müssen als "Ursprungspreis: 99 €, jetzt: 69 €" ausgezeichnet sein — nicht nur visuell.
  • Verfügbarkeitsstatus: "Nur noch 3 auf Lager" muss auch im Code ausgezeichnet sein, nicht nur durch Farbe (rot/grün).
  • Varianten-Auswahl (Größe/Farbe): Dropdown-Menüs und Farbwähler müssen per Tastatur bedienbar sein und den aktuellen Status kommunizieren (aria-selected, aria-pressed).
  • "In den Warenkorb"-Button: Der Button braucht einen aussagekräftigen Namen — nicht nur ein Icon. Bei dynamischem Update: ARIA-Live-Region für Screenreader-Bestätigung.

2. Produktsuche und Filter

Suchfunktionen und Produktfilter sind oft barrierefreiheits-technisch problematisch:

  • Sucheingabe mit Label: Das Suchfeld braucht ein korrektes <label> oder ein aria-label="Produkte suchen".
  • Suchergebnisse als Live-Region: Wenn sich Ergebnisse dynamisch aktualisieren, müssen Screenreader darüber informiert werden: aria-live="polite" mit Anzahl der gefundenen Produkte.
  • Filter-Checkboxen: Alle Filter-Optionen brauchen echte <input type="checkbox"> oder ARIA-Rollen — nicht nur optisch gestaltete Div-Elemente.
  • Aktive Filter anzeigen: Screenreader müssen erkennen können, welche Filter aktiv sind (aria-checked, aria-pressed auf den Filterelementen).

3. Warenkorb und Navigation

  • Warenkorb-Updates kommunizieren: Wenn ein Artikel in den Warenkorb gelegt wird, muss das für Screenreader-Nutzer spürbar sein — entweder durch Fokus-Verschiebung auf eine Bestätigungsmeldung oder durch eine ARIA-Live-Ankündigung.
  • Warenkorb-Icon mit Anzahl: "Warenkorb (3 Artikel)" muss im Code stehen, nicht nur als visuelle Badge-Zahl.
  • Navigation per Tastatur: Alle Kategorien, Mega-Menüs und Flyouts müssen mit Tab und Pfeiltasten bedienbar sein.
  • Skip-Link zum Hauptinhalt: Besonders wichtig bei langen Navigation­sleisten — Tastaturnutzer müssen direkt zum Produkt-Grid springen können.

4. Checkout-Prozess

Der Checkout ist die kritischste Phase — hier muss alles funktionieren:

  • Jedes Formularfeld hat ein Label: Name, Adresse, PLZ, Stadt — kein Feld ohne explizites <label for="...">. Placeholder ersetzt kein Label.
  • Fehlermeldungen beschreibend: Nicht "Ungültige Eingabe", sondern "Bitte geben Sie eine gültige PLZ ein (5 Ziffern)". Fehler müssen per aria-describedby mit dem Feld verknüpft sein.
  • Zeitlimits verlängerbar: Session-Timeouts im Checkout müssen mindestens 20 Minuten betragen und verlängerbar sein (WCAG 2.2.1 Timing Adjustable).
  • Schritt-Anzeige zugänglich: "Schritt 2 von 4: Versand" muss auch im Code vorhanden sein — nicht nur visuell als Fortschrittsbalken.
  • Fehlerkorrektur: Vor dem Abschicken der Bestellung muss der Nutzer alle Angaben prüfen und korrigieren können (WCAG 3.3.4).
<!-- Korrektes Formularfeld mit Label und Fehler-Verknüpfung -->
<div>
  <label for="plz">Postleitzahl *</label>
  <input
    type="text"
    id="plz"
    name="plz"
    aria-required="true"
    aria-describedby="plz-error"
    autocomplete="postal-code"
  />
  <span id="plz-error" role="alert">
    Bitte geben Sie eine gültige PLZ ein (5 Ziffern)
  </span>
</div>

5. Bezahlseiten und Payment

  • Kreditkarten-Eingabe: Eingabefelder für Kartennummer, Ablaufdatum und CVV brauchen korrekte Labels und autocomplete-Attribute (autocomplete="cc-number", "cc-exp", "cc-csc").
  • Drittanbieter-Payment: PayPal, Stripe, Klarna müssen eigene WCAG-Anforderungen erfüllen. Prüfen Sie die Barrierefreiheits-Dokumentation Ihres Payment Providers.
  • CAPTCHA: Visuelle CAPTCHAs ohne Audio-Alternative sind nicht konform. Nutzen Sie Google reCAPTCHA v3 (unsichtbar) oder Alternativen wie hCaptcha mit Audio-Fallback.
  • Fehlermeldungen bei Kartenfehler: "Zahlung fehlgeschlagen" reicht nicht — geben Sie den Grund an und führen Sie den Fokus auf das fehlerhafte Feld zurück.

EAA-Checkliste für Online-Shops

Verwenden Sie diese Checkliste als Ausgangspunkt für Ihre interne Prüfung:

BereichAnforderungWCAG
AllgemeinAlle Bilder haben Alt-Texte1.1.1
AllgemeinFarbkontrast ≥ 4,5:1 für Texte1.4.3
AllgemeinWebsite per Tastatur bedienbar2.1.1
AllgemeinFokus-Indikator sichtbar2.4.7
AllgemeinSkip-Link zum Hauptinhalt2.4.1
AllgemeinSprache im HTML hinterlegt3.1.1
ProdukteProduktbilder mit beschreibendem Alt-Text1.1.1
ProduktePreisinformationen nicht nur per Farbe1.4.1
ProdukteVarianten-Auswahl per Tastatur2.1.1
ProdukteWarenkorb-Bestätigung für Screenreader4.1.3
Suche/FilterSuchfeld mit Label1.3.1
Suche/FilterFilter per Tastatur bedienbar2.1.1
Suche/FilterErgebnis-Update per ARIA-Live4.1.3
CheckoutAlle Felder mit Label verknüpft1.3.1
CheckoutFehlermeldungen beschreibend3.3.1, 3.3.3
CheckoutFehler mit Feld verknüpft (aria-describedby)3.3.1
CheckoutSession-Timeout verlängerbar2.2.1
CheckoutBestellung vor Abschluss prüfbar3.3.4
PaymentKreditkarten-Labels korrekt1.3.1
PaymentCAPTCHA mit Audio-Alternative1.1.1

Shopify, WooCommerce & Co.: Plattform-spezifische Hinweise

Shopify

Viele Standard-Themes sind nicht vollständig WCAG-konform. Dawn-Theme ist am besten — aber prüfen Sie trotzdem. Eigene Apps können Barrierefreiheit verschlechtern.

WooCommerce

WordPress-Themes variieren stark. Storefront-Theme ist relativ konform. Plugins wie YITH, WooCommerce Blocks müssen separat geprüft werden.

Individuallösung

Maßgeschneiderte Shops haben die größte Kontrolle — aber auch die größte Verantwortung. Accessibility muss von Anfang an eingeplant werden.

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Häufige Fragen

Gilt der EAA für alle Online-Shops?
Das BFSG (deutsche Umsetzung des EAA) gilt für 'Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr' — das sind Online-Shops. Ausgenommen sind Mikrounternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern UND unter 2 Millionen Euro Jahresumsatz. Beide Kriterien müssen gleichzeitig erfüllt sein. Größere Unternehmen sind ab 28. Juni 2025 verpflichtet.
Was ist der Unterschied zwischen BFSG und EAA für Online-Shops?
Der European Accessibility Act (EAA) ist die EU-Richtlinie. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist die deutsche Umsetzung in nationales Recht. Für Online-Shop-Betreiber in Deutschland ist das BFSG die relevante Rechtsgrundlage. Die technischen Anforderungen sind identisch: WCAG 2.1 Level AA gemäß EN 301 549.
Muss der gesamte Checkout barrierefrei sein?
Ja. Der Checkout-Prozess ist Teil der Dienstleistung und muss vollständig barrierefrei sein. Das umfasst alle Schritte: Warenkorb, Adresseingabe, Zahlungsauswahl, Bestellübersicht und Bestätigung. Zeitlimits (z.B. Session-Timeouts) müssen verlängerbar oder abschaltbar sein (WCAG 2.2.1).
Was kostet die Umsetzung für einen Online-Shop?
Die Kosten hängen stark vom Ausgangszustand ab. Für Shopify-Shops mit einer Standard-Theme kann die Umsetzung mit 2.000–10.000 € Agenturkosten möglich sein. Für maßgeschneiderte Shops können 20.000–100.000 € nötig sein. Frühzeitig anfangen lohnt sich: Bei Neuentwicklungen kostet Barrierefreiheit von Anfang an ca. 10–30% weniger als spätere Nachrüstung.
Was ist das Risiko bei fehlender Barrierefreiheit im Online-Shop?
Neben Bußgeldern bis 100.000 € nach §31 BFSG besteht das Abmahnrisiko durch Mitbewerber, Verbraucherverbände und Behindertenverbände. Dazu kommen kommerzielle Risiken: Menschen mit Behinderungen haben in Deutschland eine Kaufkraft von über 300 Milliarden Euro jährlich — eine nicht-barrierefreie Website schließt diese Kundengruppe aus.